„Achter de Läthe fräihet“? Da schimpfte der Pastor

Günter Buschenlange und Reiner Kramer

Die Lethe in Bissel an der Grenze Landkreis Oldenburg und Landkreis Cloppenburg

Der Grenzfluss Lethe weist eine wechselvolle Geschichte auf. Die „imaginäre Grenze“ besteht noch heute.

Nikolausdorf Lethe, der Fluss des Vergessens. Wenn die Seelen der Verstorbenen Wasser aus dem Fluss tranken, schenkte er nach der griechischen Mythologie ihnen Vergessen. Mit der griechischen Mythologie hat die Lethe, der Grenzfluss zwischen den Kreisen Cloppenburg und Oldenburg, aber nichts zu tun (s. Infobox). Erinnert werden soll an dieser Stelle an die wechselvolle Geschichte der Lethe. Anlass dazu bieten die Bestrebungen verschiedener Dörfer in den Gemeinden Garrel und Großenkneten, unter dem Titel „Beidseitig der Lethe“ einen gemeinsamen Antrag auf Aufnahme in das Dorfentwicklungsprogramm zu stellen, initiiert vom Nikolausdorfer Peter Möllmann.

Die Lethe bietet das verbindende Element. Der Heimatforscher Günter Buschenlange, Vorsitzender des Garreler Heimatvereins, hat sich mit der historischen Bedeutung des Flusses auseinandergesetzt.

Der Fluss Lethe trennt nicht nur die heutigen Gemeinden Garrel und Großenkneten, die Landkreise Cloppenburg und Oldenburg, sondern stellt auch seit Jahrhunderten eine Konfessionsgrenze dar. Heute nur noch „imaginäre Grenze“, wie die Bürgermeister Thomas Höffmann (Garrel) und Thorsten Schmidtke (Großenkneten) betonen, war dieses Gebiet in den vergangenen Jahrhunderten zum Teil heftig umkämpft. Lange bevor es hier eine Konfessionsgrenze gab, kam es immer wieder zu Grenzstreitigkeiten zwischen den Grafen von Oldenburg und den Bischöfen von Münster. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Grenzen immer wieder neu festgelegt, gab es Friedensbemühungen und -beschlüsse. Doch die Streitigkeiten gingen weiter, nicht zuletzt wegen der Nutzung der gemeinsamen Marken, die Existenzgrundlage der Bewohner auf beiden Seiten des Flusses.

Mitte des 16. Jahrhunderts kam es zum Beispiel wegen dieser Grenze zu einem Prozess, der bis zum Reichskammergericht in Speyer gelangte. Durch den Reichsdeputationshauptschluss im Jahre 1803 kamen die Ämter Cloppenburg und Vechta dann zum Großherzogtum Oldenburg. Was blieb, war die Konfessionsgrenze.

Auch mit der Teilung der gemeinsamen Marken (überwiegend Mitte des 19. Jahrhunderts) beruhigten sich die Grenzauseinandersetzungen. Denn was vorher Allgemeingut war, wurde Privateigentum. Nun konnten Flächen verkauft oder gekauft werden, oder es wurden riesige Heideflächen als Siedlungsgebiete ausgewiesen. Teilweise wurde dazu der dem oldenburgischen Staat zufallende dritte Teil der Mark genommen – Nikolausdorf ist dafür ein Beispiel. So entstanden die Orte: Beverbruch (1837), Nikolausdorf (1901), Halenhorst (1854), Haschenbrok (1913), Bissel (1813), Hengstlage (um 1700).

Die Lethe als Konfessionsgrenze hat sich geschichtlich betrachtet erst relativ spät gebildet. Seit der Christianisierrung gab es ja nur eine Religion, nach der Kirchenspaltung und Reformation durch Luther waren die Ämter Vechta und Cloppenburg von 1543 bis 1613 evangelisch. Als Prinz Ferdinand von Bayern Fürstbischof von Münster wurde, leitete er 1613 die Rekatholisierung im heutigen Oldenburger Münsterland ein. Dies erwies sich als schwierig und langwierig. Ein Grund dafür war sicher der 30-jährige Krieg. Erst als Christoph Bernhard von Galen 1651 Bischof von Münster wurde, festigte sich langsam der Katholizismus in unserer Gegend. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts gab es aus genealogischer Sicht einen regen Kontakt zwischen Garrel und dem Gebiet der heutigen Gemeinde Großenkneten. Mehrere der alten Garreler Familien scheinen ihren Ursprung dort zu haben. So tauchte etwa im Jahre 1606 zum ersten Mal der Name „Wendell“ in Garrel auf. Es ist anzunehmen, dass es eine Einheirat für eine bereits länger bestehende Stelle gegeben hat. So heiratete Johan Wendeln, genannt Wendell, 1645 eine „Taleke (Talcke) Rühter, genannt Rüters aus Saage“. Nach dem Tod des Johann Wendeln heiratet die Witwe Dietrich Schewe (oder Scheue) – die Stammeltern der Nachkommen der Garreler Wendeln.

Ab Ende des 17. Jahrhunderts enden die Heiratsbeziehungen ins nunmehr protestantische Gebiet. Für die älteren Garreler oder später die Beverbrucher war dieses immer eine strenge Abgrenzung. Nicht selten wetterte der Pastor sonntags von der Kanzel, wenn junge Burschen sich erlaubt hatten, an einer Tanzveranstaltung oder ähnlichem in Sage oder anderen Orten teilzunehmen. Sie hatten „achter de Läthe fräihet…“

Wenn der Antrag für das Projekt „Beidseitig der Lethe“ angenommen würde, wäre das ein weiterer Meilenstein in der fast 800-jährigen wechselvollen Geschichte dieser Grenzregion. Aber diesmal ein sehr positiver!

Quelle: https://www.nwzonline.de/plus-cloppenburg-kreis/nikolausdorf-geschichte-vom-grenzfluss-lethe-achter-de-laethe-fraeihet-da-schimpfte-der-pastor_a_50,8,3319173912.html

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